Palliative Atemtherapie
Donnerstag, 28.11.2024Aus der Kraft des Atems schöpfen
Palliative Atemarbeit in der SAPV und in der AAPV (Brückenschwestern)
Wenn im klinischen Umfeld von Atemtherapie gesprochen wird, ist zumeist die klinisch-medizinische Atemtherapie gemeint, die sich mit den Krankheiten und Funktionsstörungen von Lunge und Stimmapparat befasst. Physiotherapeutisch können vor allem die körperlichen Beschwerden bei Störungen der Atmung behandelt werden.
Die klassische Atemtherapie (nach Ilse Middendorf und Erika Kemmann-Huber) und auch die Palliative Atemtherapie (nach Ira Summer) nutzen den Atem als Weg zur Verbindung von Körper, Seele und Geist und sprechen den Menschen in seiner Ganzheit, in seinem Wesen an. Alle äußeren Vorgänge eines Menschen, sowie die Gedanken und Gefühle, die ihn bewegen, wirken auf unsere Atmung. Redewendungen wie „vor Angst den Atem anhalten“, „vor Erleichterung aufatmen“, „wieder zu Atem kommen“ beschreiben die enge Verbindung von Gefühlen, Gedanken und Atmung. Dies vergegenwärtigt uns, dass der natürliche Atem das bindende Glied ist zwischen Körper, Geist und Seele.
Die Palliative Atem- und Körpertherapie ist ein zentraler, nicht-medikamentöser Ansatz, um die Angst vor dem Ersticken und die oft damit verbundene Todesangst zu lindern. Sie hilft, den Teufelskreis aus Atemnot und Panik zu durchbrechen, indem sie das Nervensystem beruhigt und dem Betroffenen den eigenen Atem erfahrbar macht. Sie gibt Möglichkeiten an die Hand, den eigenen Atem da abzuholen, wo er gerade ist und zu beruhigen.
Anders als in der klassischen Atemtherapie kommen die Patienten nicht zu mir, sondern ich mache mich auf den Weg, um sie aufzusuchen. Dem Erstkontakt kommt somit eine hohe Bedeutung zu. In der ersten Begegnung ist der Aufbau einer Vertrauensebene wichtig. Wenn ich den Atem anspreche, wird mein Ansinnen zumeist leicht verstanden und auch angenommen, obwohl den Patienten Atemtherapie fremd ist und sie sich oft nichts darunter vorstellen können.
Die erste Begegnung mit den Patienten wird mir in der Regel durch das Team vermittelt, d.h. ich werde zu diesem oder jenem Patienten „geschickt“. Manchmal wird mir auch jemand „ans Herz gelegt“, andere erwarten mich schon, oder ich „finde“ sie. Durch die auf den Atem bezogene Berührung gehe ich auf ihre Bedürfnisse ein, auch wenn sie nicht immer in der Lage sind, diese zu artikulieren.
Die Einfühlung in den schwerkranken oder sterbenden Menschen ist mir besonders wichtig: auf seinen Atem zu lauschen, empathisch mit ihm sein. Wenn die Begegnung gelingt, wird mir die innere Befindlichkeit des Menschen deutlich und ich halte sie erst einmal mit ihm aus. Vielleicht finde ich auch eine Antwort auf das, was mir der Patient durch seinen Atem, seine Symbol- und Körpersprache mitteilen will. Mit Hilfe des Atems und der Berührung kann ich, wenn es sein soll, auch Linderung bewirken.
Christine Heidenreich, Atem- und Körperpädagogin, Palliative Care Fachkraft